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Pressespiegel

(Offenburger Tageblatt - 11.November2011)

Klaus Teschemacher öffnet seine Seele

Schüler des Robert- Gerwig- Gymnasiums befragen den »Vater« der Jüdischen Gemeinde Emmendingen

Die Veranstaltung mit Klaus Teschemacher wird den zahlreichen Zu­hörern lang im Gedächt­nis bleiben. Der »Vater« der Jüdischen Gemeinde in Emmendingen erzähl­te im Robert-Gerwig-Gymnasium seine unfassbare Geschichte.

Hausach (bg). Es gab wohl nicht einen Gast, den dieser ganz besondere Abend nicht fessel­te und berührte: Klaus Tesche­macher, mit jüdischem Namen Mosche Ben Gideon, überwand sein Schweigen und berichtete auf Einladung der »Freunde des Robert-Gerwig-Gymnasiums« zum ersten Mal öffentlich aus seinem bewegten Leben. Pfar­rer und Religionslehrer Hans-Michael Uhl und Schüler des Robert-Gerwig-Gymnasiums hatten den Abend vorbereitet.

Schon die Geburt des »Va­ters« der Jüdischen Gemeinde in Emmendingen verlief unter dramatischen Verhältnissen. Er erblickte 1940 auf der Flucht ins dänische Exil das Licht der Welt und verbrachte die ersten fünf Jahre seines Lebens mit der traumatisierten Mutter – sie hatte ihre beiden älteren Kinder und den Ehemann an das Hor­rorregime verloren-in 17 ver­schiedenen Verstecken und vor­wiegend in Dunkelheit. Pfarrer Hans-Michael Uhl (links) hatte als Religionslehrer den »Vater« der Jüdischen Gemeinde Emmendingen Klaus Tesche­macher zu einem bewegenden Abend eingeladen. Doch mit dem Einmarsch der Alliierten hatte die Leidenszeit des kleinen Jungen noch kein Ende: Klaus Teschemacher leidet an TB, als er 1946 mit der Mutter wieder in Deutschland landet. Mit Prügel versuchen die katho­lischen Schwestern des Ham­burger Krankenhauses, ihn zum Christentum zu bekehren. Als er 1948 im Harz zur Schule kommt, wird er ignoriert-sein Klas­senlehrer ist ein ehemaliger SS-Obersturmbandführer. »Wie haben Sie die 50er-Jah-re in Deutschland erlebt? Konn­ten Sie sich als Jude outen?«, will Schülerin Maximiliane Stelzer wissen. Er habe viele Jahre in Australien, Frankreich und Eng­land verbracht, könne dazu nicht viel sagen – die Mutter habe ihm immer wieder eingebläut, nichts von seiner jüdischen Herkunft zu verraten, antwortet er.

Ein Leben mit Brüchen

Die Brüche begleiten ihn weiter. Die psychisch kran­ke Mutter wird immer sonder­licher, und er flieht früh zur Bundeswehr. Dort lernt er flie­gen, nimmt an einer Expediti­on nach Indien teil, schuftet in Sägewerken und Steinbrü­chen, macht in Freiburg ei­ne Lehre zum Schreiner und Kaufmann, studiert Innenar­chitektur, evangelische Theo­logie und Judaistik und wird schließlich Lehrer. »Meine ers­te Frau war gestorben, und ich war gezwungen, meine fünf-und achtjährigen Söhne, einer davon stark behindert, allein aufzuziehen,« begründet Te­schemacher diesen Schritt. Erst 1970, nach dem Tod der Mutter, tritt er öffentlich als Ju­de auf – vermeidet jedoch Kon­frontationen mit seinen deut­schen Landsleuten: »Wenn ich Zug gefahren bin, habe ich Kar­ten für das ganze Abteil gekauft. Nur um mein Gegenüber nicht irgendwann fragen zu müssen >Hast Du meinen Vater umge­brachte«. Teschmacher scheu­te sich auch nicht, von den Kon­flikten und Spannungen in und um die neue jüdische Gemein­de in Emmendingen zu berich­ten, deren »Vater« er 1995 wur­de, und aus der sich er und seine zweite Frau Ute inzwischen zu­rückgezogen haben. Nach gut zwei Stunden ist der Erzähler aufgewühlt und er­schöpft. »Das war eine einma­lige Angelegenheit«, beschließt Teschemacher, seine Erlebnisse wieder in seiner Seele zu begra­ben. Zum Bedauern der Zuhö­rer. »Ich hätte noch stundenlang zuhören können«, meint Helga Günter und spricht allen An­wesenden aus dem Herzen.